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"Klassen Feind" von Nigel Williams

Ein Produktionsbericht von Sascha Bruhn
Diese Inszenierung entstand auf Initiative des "Sturm-Ensembles" von Juli bis November 2004. Der lange Proben-Zeitraum ergab sich durch den Umstand, dass es sich um eine unabhängige und vom Ensemble selbstfinanzierte Produktion handelte und die Probentermine den täglichen Verdienst-Verpflichtungen aller Teilnehmer unterzuordnen waren. Der Klassenfeind war meine erste Theaterinszenierung und erwies sich vor allem formal als harter Brocken. Sechs Figuren, die über zwei Stunden lang permanent zu interagieren hatten.
Der Proberhythmus von einmal wöchentlich verstellte zudem den erstrebenswerten Weg, sich der Struktur des Stückes über Improvisationen und Impulse der Schauspieler anzunähern. Was für einen Moment funktionierte, war eine Woche später nicht mehr wiederherzustellen, und die Gefahr war unweigerlich gegeben, sich in der Masse an Möglichkeiten zu verlieren.
Also entwarfen wir das Stück am "Reißbrett", legten so viele feste Positionen und Abläufe wie möglich fest, eine regelrechte Choreografie. Dies empfanden einige Schauspieler natürlich als große Einschränkung und fühlten sich zuweilen wie Marionetten an Fäden durch den Raum gegängelt. Leider fehlten am Ende 3-4 Durchlaufproben, um dieses Korsett durch eine gewisse routinierte Leichtigkeit zu neutralisieren und der Eindruck, dass das Stück an "szenischen Wiederholungen leidet" fand seinen Weg bis in die Kritik des Kölner Stadtanzeigers.
Sehr gewöhnungsbedürftig war auch die Situation, dass das "Sturmensemble" also die Schauspieler selbst mich als Regisseur engagierten und somit die übliche Hierarchie auf den Kopf stellten. Trotz der Einigung darüber, dass mir die Besetzung der Figuren innerhalb des Ensembles oblag, war ich doch recht häufig mit explizit geäußerten Präferenzen einiger Schauspieler bezüglich Ihrer Wunschbesetzung konfrontiert.
Der Ausspruch "gegen den Typ" inszeniert zu sein, wurde im Laufe der Proben zu einem geflügelten, und war, neben dem, was ich im Folgenden beschreibe, ein klares Indiz für das Dilemma, in dem sich das Ensemble mit seiner Doppelrolle, Schauspieler/Produzenten, befand. Ich denke, dass diese Doppelrolle nur in Ausnahmefällen eine glückliche ist. Allenfalls dann, wenn sich ein produzierender Schauspieler von vorn herein eindeutig zu seinem Anspruch auf künstlerische Mitentscheidung bekennt. Glücklicherweise und zu Recht bestätigten viele Zuschauer und auch der Kritiker, dass wir die Figuren gut angelegt und durchgezeichnet hatten.
"Gegen den Typ" inszeniert zu sein, ist interessanterweise ein Eindruck, den viele Schauspieler äußern, die mit mir arbeiten. Dabei setzt meine Strategie am ganz anderen Ende an. In meinem (zugegebener weise ganz eigenen) Verständnis von Schauspiel existieren zwei Definitionen von "Typ": Der "offizieller Typ" ist eine Anhäufung von Eigenschaften, die ein Schauspieler gerne ausstrahlen möchte oder glaubt auszustrahlen. Dem entsprechend wählt er seine Bewerbungsfotos aus, kleidet und stylt sich, und stellt sich in der in der Öffentlichkeit dar. Das ist ein ganz gewöhnliches Phänomen und stellt kein Problem dar, solange der Schauspieler sich nicht völlig mit seinem "offiziellen Typ" identifiziert, sondern einen gewissen, idealer weise selbstironischen, Abstand zu ihm hält und dadurch frei ist, ganz andere, womöglich gegenläufige Aspekte seiner Persönlichkeit für die Schauspielerei zu erschließen.
Diese viel größere Bandbreite eines Schauspielers, auch und vor allem seine private Persönlichkeit, nenne ich "inoffiziellen Typ".
Während die meisten Schauspielschulen, eine strikte Trennung zwischen schauspielerischen Mitteln und privaten Eigenschaften vollziehen, halte ich die privaten Eigenschaften eines Schauspielers für wesentlich.
Natürlich ist eine Schauspielausbildung vorteilhaft, um Techniken im Umgang mit den technischen Anforderungen bei Theater- und Filmproduktion zu erlernen. Das, was letztendlich die Faszination eines Schauspielers ausmacht, ist jedoch seine Bereitschaft und sein Mut, sich wenn es sein muss, vollständig zu entblößen und das zuzulassen, was wir normalerweise ängstlich oder schamvoll verbergen. Aus dieser Perspektive betrachtet ist Schauspielerei nichts, das man erlernen kann, sondern etwas zu dem man sich entweder öffnen will und kann oder nicht.
Es hat sich für mich leider als wenig produktiv erwiesen, mit einem Schauspieler diesen Ansatz zu besprechen oder zu verabreden, weil es in letzter Konsequenz bedeutet, dass mich der Schauspieler am Schauspieler überhaupt nicht interessiert, sondern ausschließlich der private Mensch, der entweder in der Lage ist, die darzustellende Situation aus sich selbst heraus zu erleben oder nicht. Daher rührt auch meine Begeisterung für die Arbeit mit nicht schauspielambitionierten Laien. Sie verkörpern nur sich selbst und haben keinen offiziellen Typ kreiert den sie einem Publikum andrehen wollen. (Mehr zu diesem Thema, in meinem Produktionsbericht zu "Goldgarten".)
Was bleibt nun in einer Situation, in der ich nicht über die Besetzung eines Projekts entscheiden kann?
Ich analysiere die inoffiziellen Typen der beteiligten Schauspieler und inszeniere sie so, wie ich ihre privaten, für die Figur relevanten, Eigenschaften wahrnehme.
Dabei bediene ich mich auch Eigenschaften, deren sich die Beteiligten manchmal überhaupt nicht bewusst sind, woraus sich erklärt, warum die Figuren von einem Publikum meist als sehr stimmig empfunden werden, während die Schauspieler oft das Gefühl haben, neben sich zu stehen und den Anforderungen nicht "schauspielerisch" habhaft werden zu können, kurz: gegen ihren (offiziellen) Typ inszeniert zu werden. Auch erklärt sich daraus, warum mir schon des Öfteren der Vorwurf der Manipulation entgegengebracht wurde, das Gefühl, "emotional ausgesaugt" zu werden.
Der Schauspieler beginnt eine Film- oder Theaterproduktion mit folgendem Abkommen. "Ich stelle mich der Produktion als Schauspieler zur Verfügung und werde ihr mit schauspielerischen Mitteln zuarbeiten." Dieses Abkommen verletze ich als Regisseur, wenn ich, bis auf wenige unverzichtbare schauspielerische Mittel, wie Artikulation und Fähigkeit des Widerherstellens, nur private Charakterzüge des Schauspielers verarbeite, um die emotionale Struktur der Figur zu füllen.
Film- und Theaterschaffen speist sich meiner Meinung nach von je her wesentlich aus der Energie egozentrischer Eitelkeiten. Jeder Teilnehmer möchte die Bühne nutzen, um so viel von seiner "Vision", seinem "offiziellen Typ" zu präsentieren, wie möglich und die aller Meisten sind bereit, die Auseinandersetzung dafür bis an die Grenze eines Zerbrechen des Projekts zu treiben. Sicher gibt es auch Film- und Theaterschaffende die ihr Bedürfnis nach Einflussnahme unter dem Deckmäntelchen des Konformismus oder des "Teamgeist" vorantreiben. Ich persönlich stehe ganz offen zu meinem Anspruch, als Regisseur allen mir möglichen Einfluss auszuüben, um ein Projekt meiner Vision anzugleichen.
Den Klassenfeind bei all den widrigen Rahmenbedingungen unter diesem Ansatz zu inszenieren, war sicherlich extrem riskant und womöglich unvernünftig. Vor allem die fragmentierte Probephase verhinderte ein in In-den-Fluß-Kommen schauspielerischer und gruppendynamischer Prozesse und bediente das Missverständnis eines "Wochenendprojektes", von dem einige Teilnehmer folgerichtig- bzw. falsch die Erwartung auf eine "angenehme Zeit" ableiteten.
Am Ende gelang es uns jedoch einen Großteil der zwischen uns knisternden Atmosphäre dorthin zu lenken, wo sie hingehörte: Auf die Bühne.
Vielleicht sogar zu viel? "Weniger wäre mehr gewesen" urteilte der Kritiker.
Vor der der Premiere erhielt ich vom Ensemble einen Kaktus. Während ich die offenkundige Botschaft gefasst zur Kenntnis nahm, empfand ich die nächst subtilere Ebene dieses Bildes als extrem stimmig für unser Projekt und unsere personelle Konstellation und musste schmunzeln. Wie gerne hätte ich mit einer Hand voll Sand geantwortet..."

© 2016 Sascha Bruhn